Mittwoch, 22. August 2018

Die Kassiererin


Du stehst an einem Ort an dem ein paar andere nur ungern stehen würden. 
An dir schlängeln sich Menschen vorbei, Tag für Tag, Minute für Minute. Sie tragen Gurken, Müslikartons, Schokolade. Du trägst die Würde des Unbezahlbaren. Vor dir die Anonymität, und du selbst jemand, der laut einer unausgesprochenen Formel noch viel anonymer sein sollte. Du ziehst die Gurken übers Band, auch die Müslikartons. Zahlen laufen an dir vorbei, rinnen das Band hinunter, verlaufen sich auf endlosen, schlangenförmigen Papier. Am Boden finden sie sich zusammen, ergeben eine Summe, eine von unzähligen, der Wind weht sie aus der Tür. 

Doch anstatt mit dem Grau der Kasse zu verschmilzen, brichst du es auf. Erzählst eine Geschichte, die bald zu einer nächsten wird, und auch dieser folgt eine weitere. Deine Geschichten kennen kein Ende, nur immer wieder einen neuen Anfang, und wie es dazu kommt, bleibt oft unersichtlich. Die Anonymität vor dir ist dein Spielball, dein Experiment, deine Herausforderung. Sie zieht wie eine Mauer vor dir auf, doch du bist dir sicher, dass sie eigentlich aus wimmelnden, vor Energie sprühenden Einzelteilen besteht. Schaffst du es, deinem Gegenüber auch nur einen Satz oder ein einziges Wort zu entlocken, hast du gewonnen und das, woran du geglaubt hast, wurde aufs Neue belegt. Die graue Masse vor dir zersplittert in Farbe und jede Farbe schubst deine Erzählung in eine neue Richtung, wird zum Ausgangspunkt für eine weitere. 

Und so rollen dicht neben den Gurken und Müslikartons Geschichten übers Band und die Kasse wird zum Schauplatz zuvor nie gehörter Kuriositäten. Und weiter unten, dort wo sich auf endlosen, schlangenförmigen Papier ein paar Zahlen zusammenfinden, da vermischen sich die gerade erst entstandenen Komödien, Dramen und Kuriositäten, lachen sich schlapp darüber, dass sie es tatsächlich geschafft haben, zu existieren. Ein Wind kommt vorbei und weht sie aus der Tür. 
Du sitzt weiter an der Kasse und zieht Gurken übers Band. 





Mittwoch, 11. Juli 2018

Abschlussarbeit.






Sprecher: Tim Abramczik



Die Tatsache, dass ich nach einem Abschluss suche, beinhaltet, dass ich bereits einen Anfang gefunden habe. Die allgemeine Auffassung darüber, dass der Anfang schwer ist, und sich alles andere schon irgendwie ergibt, kann ich nicht bestätigen. Denn mein Anfang hat sich schon zu Beginn irgendwo verloren, und jetzt bin ich ziemlich am Ende. Da ich nicht weiss, wie man etwas abschliesst, habe ich das Internet befragt. Immer wenn ich das Internet befrage, gibt es ein oder mehrere Haken an der Sache. Der Erste ist, dass das Internet nicht zurückfragt und damit keine Gesprächskultur entsteht. Der Zweite ist, dass das Internet auf meine Frage zu viele Antworten besitzt. Der Dritte ist, dass ich nach den Antworten des Internets noch mehr Fragen habe, und sich die Antwortmöglichkeiten damit so weit exponieren, dass sie räumlich gesehen eigentlich gar nicht mehr ins Internet hineinpassen dürften. 


Trotz all dieser Stolpersteine bin ich jedes mal wieder gewillt, das Internet zu fragen. Schließlich sind die meisten meiner Freunde zum Weisswurst essen verabredet, wenn ich dringende Fragen habe. Alle übrigen Freunde und Vestorbenen hängen gerade selbst im Internet ab und lassen sich Fragen beantworten. Ich klopfe leise an. Das Internet ist voll, aber nie besetzt. Burnout kennt es nur per Definition. Also frage ich heute, wie ich mit etwas abschließe. Das Internet ist zuverlässig und antwortet in 0,44 Sekunden . Als erstes möchte es, dass ich das Wort „abschließen“ in ca 34 Sprachen übersetze. Da ich nichts besseres zu tun habe, mache ich das. Nach den ersten vierundzwanzig Sprachen spüre ich tatsächlich den dringenden Wunsch, eine Sache nun ganz schnell zu Ende bringen zu wollen. Ich bin begeistert von diesem psychologischen Trick. Trotzdem breche ich ab. Ich bin antwortsuchend, nicht lösungsorientiert. 


Die nächste Antwort ist Selbstheilung. Ohne Kausalkettenkarussel gerate ich auf eine Seite, auf der folgende Schlagzeilen hintereinander anzutreffen sind: 1. Reisen, Handys, Gutscheine - gewinne jetzt tolle Preise! 2. Black Mambas: Wie eine Gruppe Frauen in Südafrika für das Leben von Nashörnern kämpft. 3. Warum ich mich für einen Samenspender entschieden habe. Ich frage mich, ob diese Dinge mit meinem Leben zusammen hängen, weil sie irgendwo in meinem von Google über mich erstellten Profil stehen und nun für immer erscheinen werden, ganz egal was ich eingebe. Falls nicht, muss ich mich aus Solidariät zu Google nun dringend um einen Samenspender bemühen. Ich möchte nicht, dass Google Minderwertigkeitskomplexe bekommt, nur weil es plötzlich nicht mehr seinen Attributen entspricht. Ich konzentriere mich wieder auf meinen Abschluss. Es gibt noch mehrere Antwortmöglichkeiten. Ich könnte eine emotionale Vergiftung haben, sagt das Internet. Ich mag die Antwort und klicke sie an. Nach circa drei Minuten Lesezeit bin ich sehr überzeugt davon, dass ich eine emotionale Vergiftung habe. 


Nach weiteren circa 800 Minuten habe ich Seite 27 bis 3005 im Internet durchgelesen. Ich bin jetzt 97 Jahre und kein Ende in Sicht. Ich setze mich im Schneidersitz auf den Boden und warte auf den Abspann. Es gibt keinen Abspann, flüstert das Internet mir zu. Als die Sonne untergeht, bin ich schon eingeschlafen. Ich träume von Testbildern und Sendeschluss. Ich träume von Scheidungen, Tod und Weltuntergang.  Ich träume. Ich träume. Ich träume. Als ich aufwache, habe ich alles nur geträumt. Die emotionale Vergiftung ist immer noch da. Genauso wie das Internet. Ich und das Internet, wir scheinen unglaublich verwandt miteinander zu sein. Ich suche nach ein paar abschließenden Worten. Ich werde diesen Text immer weiter schreiben. Ich werde diesen Text immer weiter schreiben. Ich werde diesen Text immer weiter schreiben. 










Samstag, 15. Juli 2017

Nahtoderfahrung

Mein Handy ist weg. Whats app hat ich noch nie und meine unvirtuellen Freunde, von denen ich nun keine Telefonnummern mehr besitze, sind im Park und haben sich bereits damit arrangiert, dass ich nur noch zu fünfzig Prozent lebe. Und da man den 50 Prozent, die von mir noch übrig geblieben sind, keine Nachrichten mehr schicken kann, trinken meine Freunde jetzt das gute Dortmunder ohne mich. Mit meinen übrig gebliebenen 50 Prozent versuche ich, fit zu bleiben. Fit bleiben heisst, ich versuch meine mediale Verkrüppelung damit zu kompensieren, dass ich wenigstens zu Hause fast ausschließlich virtuell lebe. Ich muss nicht mehr aufm Balkon rumhängen, ich kann mir unsere Tomaten dort auch über Google Earth angucken. Ich werf meine Bettwäsche auf die Straße und häng für immer auf Facebook ab. Ist nicht schlimm, denk ich, da gibts ganz viel zu Essen auf der Startseite. Wetter ist auch meistens schön. Palmen ohne Ende. Babys. Aufblasbare rosa Plastikschweine. Toiletten sind leider Mangelware aber ich scheiss einfach auf die Pinnwand. Das haben andere auch schon gemacht.
Aber was mache ich, wenn ich auch hier mal sterben werde? Wenn das letzte bisschen, was von mir in dieser Welt noch übrig geblieben ist, noch nicht mal mehr in ein quadratisches Kästchen vor weiss blauen Hintergrund passt? 
Wenn ich sterbe, was wird dann aus meinem Profil? Verbrannt oder vergraben?
Und gibts Kuchen danach, oder wenigstens ein Foto davon? 
Und was ist mit der Asche, teilen? Die Pixel von meinem Profilfoto in meiner Lieblingsgruppe verstreuen?
Irgendjemand, ich weiss es, wird ein Foto von mir posten. Eins, wo ich noch sehr lebendig drauf aussehe, obwohl ich schon tot bin. Eins, auf dem ich ein Himbeereis in der Hand habe und im Hintergrund der Eifelturm steht. Auf dem Eifelturm wird „R.I.P“ stehen. Manche Menschen werden nicht wissen, ob das mir oder dem Himbeereis gilt. Und sie werden drunter schreiben: „Schönes Foto! Frohes neues Jahr, Süße!“. Das Himbeereis freut sich zurecht über das neue Jahr und übernimmt dann mein Profil. Es postet Waffeln und Pistazien und Mangoeis. Meine übrig gebliebenen Freunde werden denken, ich verdien jetzt meinen Lebensunterhalt mit Pistazieneiswerbung auf FB. Aber die meisten meiner Freunde gehen eh davon aus, dass ich schon seit Jahren tot bin. Schließlich bin ich selbst mit Handy noch nie in einer von ihren Whatsapp gruppen aufgetaucht.


Doch noch bin ich nicht tot. 
Mir ist nur langweilig. 
Dafür sterben andere. Mein altes Klapphandy zum Beispiel. Letztes Jahr. 
Nach seinem Tod ist mir sein Nachfolger nun dummerweise davon gelaufen. Kein Wunder. Es war ein Smartphone. Es hat sich von mir nicht artgerecht behandelt gefühlt. Ich habe mir weder das Wetter von ihm vorhersagen lassen noch die nächste Grillparty. Es wusste alles. Sein Allwissen hat meinen Minderwertigkeitskomplex verstärkt. Ich sterb lieber dumm als den ganzen Tag mit jemandem zusammen zu leben, der in meiner Hosentasche wohnt und alles besser weiss als ich. Das war der Grund, warum sich unsere Kommunikation irgendwann nur noch aufs Wesentliche beschränkt hat. Auf Dinge, die ich wusste und ihm gesagt habe. Wann ich morgens aufstehn will, dass ich nächste Woche einen Zahnarzttermin habe, dass in einer Stunde die Waschmaschine fertig ist. 
Wir hätten so viel zusammen machen können. Youtubetutorials erstellen. Pokemon suchen. Ich hätt gern ein Selfie von uns beiden gemacht. Doch mein Smartphone hatte keine Arme. Vielleicht war das der Fehler. Ich hab seinen Minderwertigkeitskomplex verstärkt. Was soll’s ? Es ist weg. Aus meiner Hosentasche ausgezogen und hat sich Asyl auf einem 2. Klasse Sitz der deutschen Bahn gesucht. Es wohnt dort nun direkt neben einem Psychopathen. Der Psychopath und ich waren ins Gespräch gekommen, weil er eins mit mir anfing. Er setzte sich neben mich und fragte, ob ich Törtchen essen will und hielt mir kleine Tortenböden unter die Nase. Weil ich keine Törtchen von fremden Männern annehme, fragte er mich, ob ich einen Beziehungsratgeber brauche. Ich sagte ihm, dass ich davon schon ca 30 im Schrank stehen und weitere 20 als Klopapier benutze. Nach seinem Geruch zu urteilen, ging ich davon aus, dass er den besten aller Beziehungsratgeber die letzten 5 Tage versoffen hatte. Ich rückte immer näher zum Fenster, bis ich die Erfahrung machte, dass man durch Glasscheiben tatsächlich nicht ohne weiteres hindurch kommt. Also schlug ich ein paar mal mit meinem Kopf gegen die Scheibe, aber niemand öffnete mir. Als wir nach meinen Ablehnungsversuchen von Ratgebern und Törtchen ohne Erdbeeren nicht weiter kamen, suchte ich das Ende des Gesprächs. Ich konnte es nicht finden, es musste sich wohl zusammen mit meinem Handy irgendwo in die Ritze zwischen den Bahnsitzen verkrochen haben. 
„Nächste Station. Leverkusen.“ sagte die Dame plötzlich durch das Mikrophon. „Ausstieg in Fahrtrichtung rechts.“ Der Psychopath stand augenblicklich auf und brüllte: „Aber bitte nicht alle aussteigen! Sonst bin ich ja ganz alleine hier!“ Als ich kurz gecheckt hatte, dass ich nicht alle war, stieg ich aus. Aber ohne mein Smartphone.  Das ließ ich bei ihm. (Und zwar bewusst *)  Egal was man tut, es muss immer bewusst geschehen. Man sollte bewusst pinkeln gehen, bewusst Leute ankacken und bewusst Pferde töten. Niemand wird einem ins Wort fallen, solange man alles bewusst tut.  Ein mit „aber“ oder „und zwar“ versehenes „bewusst“ nimmt allen Kritikern ihre Waffen. Man kann wieder wie in der Pubertät verschlafen, verpeilt, beleidigend und emotional ausfällig sein. Hauptsache, man hat das alles bewusst getan.


Überleitung: Bewusst habe ich, seitdem mein Handy weg ist, immer auch ein bisschen Selbstmitleid in meine Badewanne gegossen.
Anderen läuft der Freund davon, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass ersteres schlimmer ist.
Wenn du keinen Freund mehr hast, triffst du dich mit einer Freundin in einem Café, erzählst ihr, dass du keinen Freund mehr hast und schickst gleichzeitig dreiundzwanzig SMSe an andere Freundinnen, in denen steht, dass du keinen Freund mehr hast. Deine Freundin vor dir wird dich mitfühlend angucken, ebenso die 23 weinenden Emoticons. Wenn du Glück hast, gibts Papiertaschentücher zum anfassen. Doch wenn dein Smartphone weg ist, war’s das mit den heulenden Emoticons und dein noch existierender Freund vor dir blickt nicht dich traurig an, sondern sein Handy. Dazu sagt er: „Jetzt kann ich dir ja gar keine Nachrichten mehr schicken“ und wischt mit den Taschentüchern seine Tränen vom Display, während er deine Nummer löscht.
Da sind sie wieder. Die 50 %, die jetzt tot sind von mir. Mein zweidimensionales Ich hat es dank dieser bezaubernden Eigenschaft zwischen zwei Bahnsitze geschafft und fängt sich Nachrichten ohne Ende ein, ich in 3D bin eine traurige Reliquie in Farbe, mit Ton, und dennoch reif für die Glasvitrine. Ab und zu kommt jemand vorbei, guckt mich traurig an und sagt: „Wann hast du denn wieder ein Handy?“, was soviel heisst wie „Wie siehts aus mit der Wiedergeburt?“ oder „Wann bist du denn wieder sozial integriert?“ und aus der Serie „Wann bekommst du endlich Kinder?“ stammt. Ich sag: „Bald bestimmt.“ Aber man hört mich nicht, die Glasvitrine ist aus Panzerglas, ziemlich sicher. 


Ich bleib weiter still da sitzen und schau meinem Kopfkino zu. Auch wenn’s niemand zugibt, die letzte Folge aus der Staffel „Fragen mit endlich“ ist „Wann bist du endlich tot?“ und wie gesagt, zur Hälfte hab ich’s geschafft. Das ist der komplette Ausgleich dafür, dass ich immer noch keine Kinderfotos auf Facebook poste. Ich bin eben schnell, hab ein paar Punkte auf der To do Liste Leben nicht einfach abgehakt, sondern sogar übersprungen. Würde ich noch von der Aussenwelt wahrgenommen werden, wäre sie stolz auf mich. Doch die Aussenwelt löscht gerade 16 GB Erinnerungsfotos von mir. Ich kann richtig spüren, wie ein Teil von mir dahinsiecht. Gleiches Gefühl wie beim Blutabnehmen. Ist mir egal. Hier ist es schön, so allein. 


Für ne Zeit. Irgendwann hämmer ich wieder mit dem Kopf gegen die Glasscheibe, tagelang, und schließlich schaff ichs doch auch ohne Klingelton auf mich aufmerksam zu machen. 
Wenig später sitze ich in einem Restaurant und treffe mich mit Freunden zum Essen. Vor jedem von uns ein Teller mit Spaghetti, daneben Besteck, daneben Servierte. Und daneben, meine Unzulänglichkeit: Bei den anderen ein schwarzes kleines Viereck, bei mir nichts. Ich weiss nicht, vielleicht hat der Kellner bei mir was vergessen. Einen schwarzen rechteckigen Aperitif vielleicht. Einen Vorspeisensalat in Gestalt einer einzigen riesigen viereckigen Miesmuschel. Ich denk nicht weiter drüber nach und hau rein in die Nudeln. Aus dem Blickwinkel merk ich, dass dieser seltsame schwarze Fleck neben den anderen wohl der begehrenswerteste aller Menüpunkte hier ist. Er wird angeschaut, angestupst, gestreichelt.  Ich bin mir sicher, mir fehlt das schwarze Viereck, dann gäbe es mehr Liebe für mich.
Plötzlich passiert es. Ich hab nur kurz an meiner Cola genippt. Für ne Millisekunde mit dem Kopf ins Glas geschaut. Mich dann wieder zurück gebeugt. Und festgestellt: Meine Freunde sind verschwunden. Von jetzt auf gleich. Verschluckt. Nicht ganz. Ihre Körper sind noch da. Bewegungsunfähig, aber noch da. 
Bevor ich weiter drüber nachdenken kann, sind alle auch schon wieder bei Bewusstsein. 
Sie sagen „lecker“ und „ja“ und „Ich muss mal aufs Klo.“, als wäre das alles eben gar nicht passiert. 
Ich habs mir eingebildet, bestimmt. Doch es passiert wieder. Vornüber gebeugte Köpfe, Stille. Rauschen. Sie sind weg. Nicht mehr ansprechbar. Die schwarze Miesmuschel paralysiert meine Freunde. Kurz darauf spuckt sie sie wieder aus und alle schlürfen ihre Schorle, als sei nix gewesen.


Während meine Freund jede Minute für kurze Augenblicke in ein anderes Universum verreisen und mit Wesen kommunizieren, von deren Existenz ich nie gehört habe, konzentrier ich mich aufs Hack. Nipp weiter an meiner Cola und ex den Wein meiner erstarrten Freunde. Bleib auf einem Haufen roter Soße kleben und in einer Welt, die sich selbst nicht mehr genug zu sein scheint. Eine Welt, in der Spaghetti kurz vergessen werden, blaue Himmel, Sonnenuntergänge und Rotweingläser, eine Welt, in der meine Gegenüber für ein paar Momente in einem schwarzen Loch verschwinden, so wie man in einem zu heissen Sommer immer mal wieder kurz in den See springt um sich direkt danach wieder in die Sonne zu legen. 


Ich gewöhn mich an die Unterbrechungen, daran, dass alle anderen für wenige Sekunden einfrieren, Flashback, das ist wie damals beim Stopptanz. Nur dass es etwas länger dauert, bis wieder jemand auf Play drückt.  Guck mir in der Zeit meine Fingernägel an. Die sind auch schwarz. Oder den Rotwein. Oder wie gegenüber gerade jemand gegen die Laterne rennt, weil sein schwarzes Loch mit der Realität kollidiert ist. Er fällt um, verliert das Bewusstsein. Gibt doch ziemlich viele Wege, kurz mal abzuhauen. 





Selfie: Biene
Bildbearbeitung: ?ggi



Donnerstag, 11. Mai 2017

OMG, YMMD!! -all inclusive Urlaub kurz vor Afrika-

Ich frag mich, wie ich hierher gekommen bin. Es regnet nicht, es gibt immer was zu essen, der Alkohol ist umsonst. Es gibt drei Möglichkeiten: 
1. Möglichkeit: Ich bin gar nicht ich, sondern eine in Rente gegangene Glücksradfee und an diesem Ort verbringe ich meinen Lebensabend. 
2. Möglichkeit: Die Welt hat sich endlich auch mal an unsere Diensleisungsgesellschaft angepasst und gibt alles. 
3. Möglichkeit: Ich bin gestorben. Ich bin im Himmel. Dies ist das Paradies. Gott hat meine vielen kleinen Notlügen kurz abgewunken und mich ins Land geschickt, wo Bier und Wodka fließen. Er macht tatsächlich das, was alle von ihm erwarten: Gebete erhören. Wahnsinn! 
„Nicht weiter drüber nachdenken!“ flüstert etwas. Das muss Gott gewesen sein. Jesus, er hat gerade persönlich mit mir gesprochen! Entspannt lehne ich mich zurück und hör dem Meer zu. Denn hier gibts anscheinend Meer im Himmel. Wodkameer. Unglaublich! Das muss ebenfalls Gott gewesen sein. OMG, you made my day!! 


Ich lass die Augen zu, denn ansonsten blendet’s heftig. Liegt wahrscheinlich daran, dass hier alle Kollegen um mich herum einen Heiligenschein tragen. Hab meinen ein wenig herunter gedimmt, weil ich nicht ganz so arrogant erscheinen möchte wie die anderen hier. Trotzdem, wenn ich’s mir mal so wirklich überlege: Womöglich gibt’s schon nen Grund, warum ich’s hierhin geschafft hab. Hab mich halt echt gut benommen auf der Erde. Ab und zu abgepacktes Biohack gekauft. Immer nur Kleinigkeiten geklaut. Kaugummis, Pappbecher, Käse, Klamotten. Das, was man halt so braucht. Nie mehr. Oft Kondome benutzt und so den weitaus höheren Plastikverbrauch an Pampers vermieden. Kakteen regelmäßig gegossen. Müll getrennt. An Weihnachten nur die eigenen Geschenke geöffnet. Meine Güte, hab nie so drüber nachgedacht. Aber Gott hat Recht. 
Ich hab’s mir echt verdient. Ich mach den Mund auf und warte auf noch mehr Wodka. Aber da kommt nix. Ebbe am Wodkameer. 


Dafür kratzt etwas an meinem Arm. Ich kratz zurück, doch es geht nicht weg. In Anbetracht der Tatsache, dass ich eh bald mal nachschauen muss, welcher Apostel hier die plötzliche Sperrstunde zu verantworten hat, fang ich an zu blinzeln. Immer noch hell alles. Dazwischen Palmenblätter. Türkises Glitzern. Ich liege. Gerade der letzte Punkt gefällt mir sehr gut. Doch dann noch mal: Kratzen am Handgelenk. Handgelenk ist irgendwie ziemlich viel Körper dafür, dass ich eigentlich schon tot bin. Ich guck runter. Da hängt ein Bändchen um meinen Arm. Aus Plastik. Das mit dem Plastik ist echt beeindruckender als so ein privater Heiligenschein. Plastik hat nicht nur den Weg aus dem Überrraschungsei ins Weltmeer geschafft, sondern danach offensichtlich auch noch die Wiederauferstehung und hängt jetzt hier oben im Paradies ab. Wolken, ausgelegt mit PVC-Böden, in Alufolie gewickeltes Abendmahl, Heiligenscheine aus LED’s. Statt aus dem Kelch schlürfen alle Wein aus Tüten und die von Jesus vermehrten Fische werden in Konservierungsmittel eingelegt, danach sorgsam in Tupperware gepackt. Die Zeiten, in denen man fünftausend Fische noch sofort essen wollte, sind eventuell vorbei. Schließlich hat sich das Nahrungsangebot erweitert, es gibt auch noch Ü-Eier und .. genau! 


A pro pos Wodka, ich fühl mich hier immer noch so ziemlich alleine. „Das brauchst du nicht!“, höre ich ein erneutes Flüstern. Gott scheint echt gesprächig zu sein. „Ich bin nicht Gott!“. Und kann Gedanken lesen. Spricht doch wieder für Gott. „Nein!“. Na gut. „Wer bist du denn?“, flüster ich zurück. „Das Bändchen an deinem Arm!“. Das versteh ich nicht. „Durch mich bekommst du alles, was du brauchst!“. Ich reiss die Augen auf. Vor mir noch immer Palmenblätter und Meer. Noch mehr Menschen, die liegen. Genau wie ich. Alle haben die Münder genau soweit geöffnet, dass ein dünner pinker Strohhalm hindurch passt. Am Ende des Strohhalms ein Glas. Darin: Tequila Sunrise. Und alle haben ein Stück Plastik um den Arm. Allmählich versteh ich. Ich bin noch nicht ganz tot. Nur fast ins Koma gesoffen. Gott ist ziemlich entfernt von mir, sonst müsst ich jetzt nicht aufstehen für den Wodka. Zwischen den Liegen gibts noch eine weitere Horde von Menschen, die im Vergleich zu den Übrigen tatsächlich noch ziemlich lebendig wirken. Sie tragen orangefarbene T-Shirts und scheinen an einer Mischung aus Parkinson und Muskelzucken zu leiden. Ihre Aufgabe ist es, Komapatienten mit Streckübungen zum Leben zu erwecken. Liegt ziemlich auf der Hand, dass das nicht funktioniert. Als auch die orangenen Menschen das bemerken, fangen sie an zu schreien. Ob ich aus Deutschland käme. Oder aus England. Ehrlich gesagt, hab ich das vergessen. 


Das Bändchen und ich, wir werden beste Freunde und gemeinsam ziehen wir an die Theke. Es gibt mir einen nach dem anderen aus und wenn es sehr spät ist, tanze ich für es oder singe Karaoke. Das gefällt ihm und es gibt mir noch mehr aus. Danach leg ich mich auf die Theke und schlafe. Das Bändchen ist immer bei mir. Ich glaube, es ist eine sehr enge und inspirierende Freundschaft. 


Durch das Bändchen lerne ich so gut wie alle meine Freunde hier kennen: den Tequila Sunrise, den Daiquirry Strawberry und den Automatenkaffee. Früher habe ich Espresso mit Milchschaum getrunken, doch diese Gier nach gutem Geschmack bin ich endlich losgeworden. Das Bändchen hat mir gezeigt: Guter Geschmack ist was für Langweiler, die Dostojewski lesen. Was die Menschheit wirklich braucht, ist viel, und sonst nichts. 
Ich entscheide mich für viel Tequila Sunrise. Neben dem Bändchen ist der Tequila mein bester Freund geworden und kommt nun immer öfter vorbei. In diesen Stunden reden er, das Bändchen und ich gemeinsam über das Leben. Das Bändchen und ich reden lange darüber, das Leben des Tequilas ist schnell zu Ende. Doch auch mit dem Tequila ist es wie mit dem Plastik: Er hat es raus mit der Wiederauferstehung. 


So vergeht Tag um Tag. Eines Abends frage ich das Bändchen, wo ich hier eigentlich bin. „Du bist auf einer Insel.“, sagt es. „auf einer Insel im Meer.“ Oh, das ist schön“, flüster ich. „Sehen wir uns morgen diese Insel einmal an?“. „Nein“, sagt das Bändchen. „und jetzt trink noch einen.“  Ich nicke stumm, kipp all unsere Freunde runter und fall auf den Boden. Das Bändchen ist zum Glück immer bei mir. Wenn ich falle, fällt es auch. Wahrscheinlich würde es auch ohne Befestigung sehr an mir hängen, dank all es Tequilas, der zwischen uns klebt. „Woher kannst du eigentlich so gut Deutsch?“, frage ich es, während ich meinen Kopf in die Fließen kuschel. Jetzt lacht es. „Deutsch ist Amtssprache.“ „Achso!“, lalle ich. „es ist eine deutsche Insel!“. „Nein, eine spanische!“. Logik war noch nie meine Stärke. Ich küsse das Bändchen kurz auf seine glatte, silbrige Haut und rülpse. Dann schlafe ich für immer ein.






Foto: LeeZa Nail
Bildbearbeitung: Baeggi Haferflocke




Montag, 31. Oktober 2016

Sperrmüll im Lebenslauf

Ich brauche nicht mehr zum Therapeuten.
Ich gehe einfach in eine Buchhandlung. Kaufe mir Bestseller über das Finden des inneren Kindes in mir und die Attraktivität von Lücken im Lebenslauf. Danach geht’s mir besser und außerdem ist das alles günstiger als eine Sitzung bei einem alten Greis, der mir das gleiche erzählt. 


Dann hole ich dich ab. Du sitzt hinter einer Glasscheibe in einem Stuhlkreis. Ich winke dir von draussen zu. Du winkst zurück, doch kommst nicht raus. Ich will wieder gehen, doch eine Verrückte kommt auf mich zu. Sie hält mir die Tür auf und fragt nach meinem Namen und den Büchern unter meinem Arm. Ich sage ihr meinen Namen nicht, aber dass ich mich frage, was genau eigentlich zwischen Lücken in Lebensläufen liegt. Sie lächelt mir zu und bittet mich in den Stuhlkreis. Ich hasse Stuhlkreise. Alle sitzen vor abstrakten Bildern und trinken klebrigen Wein. Sie erzählen, dass sie diese Bilder hinter ihnen schon immer gut fanden. Und vor allem die Farben. Das wissen sie, ohne jemals hinter sich geschaut zu haben. Ich fand Wein schon immer gut, egal welche Farbe. Ich soll mich vorstellen. Ich habe Angst dass ich ihnen gleich ins Gesicht spucke. Sie reden eine Sprache, die ich nicht verstehe und tragen Klamotten die ich nicht verstehe. Als ich wieder draussen bin kaufe ich mir etwas, das ich besser verstehe. Es heisst Whiskey Cola. Auf dem Weg zum Bahnhof lass ich ein Buch nach dem anderen auf den Boden fallen, damit du mir folgen kannst. Als du mich wieder findest, habe ich noch weiteren Whiskey gefunden, aber dafür gerade das innere Kind in mir verloren. Du sagst, das ist dir egal. Deins ist auch verschwunden. 
Wir gehen auf eine Party in einer anderen Stadt.


Du verstehst die Menschen dort nicht. Sie sprechen eine andere Sprache und tragen andere Klamotten. Es gibt keinen Stuhlkreis mehr, denn sie haben alle Stühle auf den Sperrmüll gestellt. Du weiss nicht, wo du dich hinsetzen sollst. Wir bleiben stehen und werfen Zigaretten auf Autos. 





Donnerstag, 13. Oktober 2016

Splitterwochen in Malibu

Ich bin mit ihm nach Malibu gereist.
Ehrlich gesagt, weiss ich gar nicht so genau, wo Malibu liegt.
Aber das ist in diesem Fall egal.
Es war notwendig, dass wir das tun.


Für alle, die nicht wissen, wer er ist: Er ist kein Auto, deswegen fährt er sich nicht so gut. Er ist auch kein Kuscheltier, das man abknutschen, platt drücken und als Kopfkissen benutzen könnte. Er ist kein Kontrabass, das heisst man kann weder in ihm schlafen noch mit ihm heizen. Er ist ein stinknormaler E-Bass und das Einzige, was er kennt, sind geile Grooves. 


Mein Bass hat sich ein paar Melonen beim Strandverkäufer gekauft und sich in eine Hängematte verschlagen. Ich will mich neben ihn legen, aber mein Schätzchen hat bereits so gierig in der Honigmelone gebuddelt, dass die ganze Hängematte in schmierigem Melonensaft eingeweicht ist. Ich habe nun auch gar keinen Hunger mehr auf Melone. Mir ging es auch mehr um die körperliche Nähe mit der Hängematte. Da das nun nicht mehr möglich ist, setze ich mich woanders hin und meditiere.


Doch ihn stört meine Anwesenheit. Er rülpst in seiner Matte vor sich hin, bis er mich irgendwann mit kleinen Melonenstückchen bewirft. Erst ignoriere ich die Abwehrmechanismen bezüglich meiner Person. Als er schließlich die Reste der Melonenschale auf meinem Kopf drapiert und mir der Saft die Wange entlang läuft, frage ich ihn, ob er ein Problem habe. Er stöhnt und dreht genervt an seinen Stimmknöpfen.


Mein Bass hat eine leichte Bindungsstörung. Im Klartext heisst das, er liebt und hasst mich gleichzeitig. Verläuft so ähnlich wie die Beziehung der allermeisten Menschen zu Alkohol und Kippen. Mit dem Unterschied, dass er und ich natürlich auch intim werden. Ich hab oft versucht, ihn zur Paartherapie zu überreden. Zwecklos. Er sagt, ihm nützt dieses Gelaber nichts. Ich solle ihm mal einen ordentlichen Amp kaufen, anders könne er mit mir nicht mehr kommunizieren. Ich würde seine Saiten nicht richtig anschlagen, er könne mit meinem Gefummel nix anfangen. Und sowieso seien wir einfach einen Halbton auseinander. 
Was soll ich sagen? 
Natürlich weiss ich, dass es nicht an mir liegt. Er hat ein Problem mit sich selbst, wie eigentlich alle meiner Freunde um mich herum. Ich bleib da mittlerweile ganz ruhig. Ich weiss einfach, dass bei mir alles okay ist. Ich hätte ziemlich viel geübt die letzten Jahre, wenn mein Bass nicht ständig deprimiert in der Ecke gestanden hätte. 


Das ganze Geld, das ich an Unterrichtsstunden eingespart habe, habe ich nur für uns in diese Reise investiert. Damit wir uns endlich wieder näher kommen. Das Einzige, was mir tatsächlich nun ständig näher kommt, ist der Alkohol.


Ich fühle mich erniedrigt und nicht wahr genommen. Ich bin mir sicher: Ich werde benutzt. Ich bezahl unsere Reisen, unsere Kippen, unsere Mieten.
Ich bezahl seine NeunVoltblöcke, seine Saiten, seine Pickups.
Ich bezahl seine OP’s. 
Ohne mich wär dieser Bass auf der Straße.
Er ist ein Arschloch.
Aber ich liebe ihn.
Ich kann einfach nicht anders.
Ist es, weil ich eine Frau bin?


„Wahrscheinlich!“, sagt er und spuckt Melonenkerne ins Meer.
Ein paar Meter vor uns machen ein paar Kaulquappenzüchter im Burkini Aerobic im heissen Sand. Da in letzter Zeit eine Reihe mitteleuropäischer Haie immer wieder Molotowcocktails vom Meer aus an den Strand von Malibu geworfen haben, dürfen hier Kaulquappenzüchter seit den neuesten Gesetzen nur noch Burkini und keine Froschanzüge mehr tragen. In meinem Kopf macht das gerade außerordentlich viel Sinn, vor allem deswegen, weil ich soeben von Bier auf den Verzehr von Wodka umgestiegen bin. Trotzdem ist das natürlich schade, denn erst hier und jetzt wird mir bewusst, dass die Froschanzüge einer der Hauptgründe waren, warum ich unbedingt nach Malibu reisen wollte. 


Als es Abend wird, gehen mein Bass und ich noch mehr trinken. Wir waren schon so lange nicht mehr in Urlaub zusammen und ich schwelge in romantischen Erinnerungen von früher. Doch er kann sich nicht erinnern. Er kennt nur geile Grooves. Während ich seine Saiten streichele, singt er Sechzehntelketten von Tower auf Power. 


Ich kann ihn einfach nicht mehr verstehen.
Früher war alles besser.
Da gab es noch Froschanzüge in Malibu. 


„Wir brauchen eine kleine Auszeit, du und ich“, sagt er schließlich. Da er nur geile Grooves kennt und keine Gespräche, hat er das nicht wirklich gesagt. Aber ich erkenne seine Aussage anhand einer Sechzehntel-Pause in „What is hip?“.Wenn man sich seit so vielen Jahren nahe ist, reichen auch kleine Schweigemomente zur einwandfreien Kommunikation. „Ich weiss, dass wir eine Pause brauchen“, flüster ich. „aber deswegen bin ich doch mit dir nach Malibu gereist“. „Das ist schön!“, sagt er. „Aber ich wäre jetzt lieber alleine hier.“ Er spürt nicht, dass mich das traurig macht. Bässe, die an einer Bindungsstörung leiden, wissen nicht, wie sehr sie andere damit verletzen. Da ich viele Ratgeber zu dem Thema gelesen habe, kann ich damit umgehen. Denn das alles kann auch Vorteile haben: Ich intensiviere nun meine Beziehungen zu Dingen im Leben, die ich zuvor mehr und mehr vernachlässigt habe:  Staubsaugen, Sonderangebote durchlesen, Pickel ausdrücken, Kastanienmännchen bauen, Karpfen dressieren und rote Beete mit Senf essen.


Am nächsten Tag hat sich mein Bass mit einer Ukulele angefreundet. Die beiden kuscheln in der Hängematte. Ich versteh nicht, warum ausgerechnet mit einer Ukulele. Die Dinger können nur drei Akkorde und haben noch weniger Saiten als mein Bass. Wahrscheinlich braucht er bloß etwas, das unter ihm steht. (Hab ich in einem anderen Ratgeber über verhaltenspsychologische Phänomene gelesen). Das Meer leuchtet so schön und ich geh kurz in Selbstmitleid baden. Auf dem Grund glitzert ein alter, von Algen überwachsener Froschanzug, an dem ein paar Fische knabbern. 


Mein Herz hüpft. Ich ziehe den Froschanzug noch im Meer an, dann schwimme ich zurück an Land und werde Kaulquappenzüchterin in Malibu.


Ein paar Tage später verhaften sie mich aufgrund des verbotenen Froschanzuges und ziehen mir einen Burkini über. Im Knast treffe ich meinen Bass wieder. Er hat mit der Ukulele von der Hängematte aus Molotowcocktails auf mitteleuropäische Haie geworfen. Wir gründen eine Kommune, demonstrieren gegen Rentenkürzungen von Instrumenten mit geringen Saitenanzahlen und archivieren schwarze Kaulquappen und unnötige Adjektive. 



Fazit: Das Leben macht Wendungen, selbst wenn man immer nur im Kreis läuft. 




Foto: Lucas Grey
Bildbearbeitung: Yellow Submarina
                                                     
                                                       

Sonntag, 9. Oktober 2016

Konserviertes Happy End

Wer hätte gedacht, dass der Sommer je aufhören würde. 


Die Turmuhr schlägt und erste Blätter wälzen sich auf dem Boden. Von jetzt auf gleich ist Herbst geworden und wir haben ihn nicht bemerkt. Er hat sich angeschlichen, als wir noch auf dem Balkon saßen und pulvrigen Zitronentee tranken. Je kälter es wurde, desto größere Sonnenschirme spannten wir auf. Doch als wir eines Abends auf einer Bank sitzen und Bier trinken, haben wir keinen Sonnenschirm zur Hand. Der Herbst schreit uns ins Gesicht.


Wir werfen unsere Spielkonsolen weg und bemerken, dass wir nach all unseren Eroberungen Falten neben den Augen bekommen haben. Wir wollen noch mehr davon, deshalb lachen wir weiter, pusten uns Bier ins Gesicht und bewerfen uns mit den letzten Sonnenstrahlen des Tages. Wir halten zusammen, denn wir müssen an die große Romanze glauben, die wir unser ganzes Leben konsumiert haben. Wir sind gewachsen und wachsen noch mehr. Unser Körper ist groß wie ein Wolkenkratzer. Wir haben unser Lächeln schon kurz nach der Hochzeit auf einem Foto einfrieren lassen, damit wir niemals die Chance haben werden uns irgendwann über Putzpläne und Kindererziehung zu streiten oder das richtige Rezept von Reibekuchen. Wir haben uns Lebens- und Haftpflichtversichert, Vollkasko und Reiserücktritt-, haben für den Fall der Fälle von alldem eine Sicherungskopie erstellt. Unser ganzes Leben seziert, schließlich kompakt auf eine Festplatte gepackt, mit Geschenkband verschnürt. Ziemlich siegessicher das Endprodukt unserem 1 life - Unternehmensberater gezeigt: Fertig gelebt, bevor wir gestorben sind, die besten Bilder, die besten Erinnerungen, die besten Erfolge und den besten Nachwuchs. Sorgsam sortiert, komprimiert, archiviert, konstruiert. 


Doch dann kam der Herbstwind. Die Festplatte liegt zerstört am Boden. Ich hab Tränen in den Augen, denn unser Leben ist kaputt. Das dickste Einmachglas, zersplittert am Boden. 



Ich kehr alles weg, werf meine Schokoladenseiten auf den Kompost. Dekonstruier mein Happy End und leg seine Splitter in Essig ein. Was bleibt, ist Unsicherheit. Du schaust lange darauf. Dann sagst du: „Es macht nichts, dass du dir unsicher bist. Unsicherheit ist die Essenz des Lebens.“